Isolde Heyne


"Und sie fand auch, dass in der Welt überhaupt vieles nicht in Ordnung war. Konnte man das ändern? Es musste zumindest ver-sucht werden. Davor wollte Inka nicht davonlaufen." ("Treff-punkt Weltzeituhr").

In Isolde Heynes Büchern wird den jugendlichen Leserinnen und Lesern keine heile Welt vorgegaukelt. Ob die - meist weibli-chen - Hauptfiguren in der Steinzeit gegen Gefahren einer un-bezähmten Natur ankämpfen ("Tanea - Tochter der Wölfin"), ob sie im Mittelalter mit den Auswüchsen kirchlicher Machtkämpfe ("Jerusalem ist weit") und religiösen Aberglaubens ("Hexenfeu-er") konfrontiert werden oder im Jahr 2035 in einer zerstörten Umwelt zu überleben versuchen ("Wenn die Nachtigall verstummt") - stets durchleben sie einen Entwicklungsprozess, in dem sie lernen, sich und ihre Lebenswirklichkeit bewusster wahrzunehmen und sich Problemen zu stellen. Isolde Heynes Ju-gendromane versetzen den Leser in eine verblüffende Vielfalt ferner Orte und Zeiten: sei es in das Leben im alten Ägypten, ins klassische Griechenland oder in ein Indianerreservat, im-mer wird aus der Sicht von Kindern oder Jugendlichen über eine spannende Handlung und in einer klaren, unverschnörkelten Sprache en passant der Lebensalltag und die Denkweise in frem-den Kulturen, Zeiten und Völkern vermittelt. Zugleich durch-lebt der Leser exemplarisch anhand der Hauptfiguren eigene Probleme (Sozialisation, Ich-Findung etc.) und wird mit den Folgen intoleranten Verhaltens und verantwortungslosen Umgangs mit Mitmenschen und Natur konfrontiert - aber auch mit Liebe, Mitmenschlichkeit und Mut.

Doch nicht alle Texte sind in offensichtlich fernen Zeiten und Welten angesiedelt. Die preisgekrönten Romane "...und keiner hat mich gefragt!" (Preis der Leseratten des ZDF), "Treffpunkt Weltzeituhr" (Deutscher Jugendliteraturpreis) und "Sternschnuppenzeit" (Buxtehuder Bulle) sowie die Erzählung "Lara und Justus oder Die unsichtbare Grenze" spielen in bei-den Teilen Deutschlands - vor bzw. nach dem Fall der Mauer. Aber auch der Besuch im jeweils "anderen" Teil Deutschlands wird trotz der geographischen Nähe zur Reise in eine fremde Welt - und wer könnte über diese beiden Welten besser Auskunft geben als Isolde Heyne: 1931 in Prödlitz (Böhmen) geboren, kam sie nach dem Krieg mit ihrer Familie nach Sachsen, machte eine Lehre als Technische Zeichnerin und studierte von 1961-1964 am Johannes-R.-Becher-Institut in Leipzig Literatur. Danach war sie in der DDR als Journalistin und Schriftstellerin tätig. 1979 entschloss sie sich, aus politischen Gründen von einer Reise in die Bundesrepublik nicht mehr in die DDR zurückzukeh-ren; heute lebt Isolde Heyne in Limburg an der Lahn.

Auch nach dem Ende der DDR ist ein Buch wie "...und keiner hat gefragt!" nicht veraltet, wenn es auch "historisch" geworden ist; denn es gewährt einen unverzerrten Einblick in den Lebensalltag von Kindern und Jugendlichen in der DDR - und wer Jugendlichen heute deutsche Zeitgeschichte vermitteln will, der kann getrost auf Isolde Heynes Deutschland-Roman zurück-greifen. In diesen Romanen hat die Wiedervereinigung schon lange vor dem Fall der Mauer stattgefunden: zwischen einzelnen Menschen, die sich ihre Gefühle nicht durch politische Bevor-mundung korrumpieren ließen. Für ihr Lebenswerk, das Kindern und Jugendlichen gewidmet ist und sich für Völkerverständigung, Versöhnung und gegenseitige Achtung ein-setzt, wurde Isolde Heyne 1997 mit dem Sudetendeutschen Kul-turpreis ausgezeichnet.

Hans Schlicht

 



 

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