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„Das Mädchen mit dem gelben Schirm“ und
andere Werke von Uday Prakash
Vorbemerkungen
Die Erzählung „Das Mädchen mit dem gelben Schirm“ (Originaltitel:
Pili chatri vali larki), wurde fast unmittelbar nach ihrer Fertigstellung
in den August- bis Dezember-Ausgaben 2000 der renommierten Hindi-Literaturzeitschrift
Hams publiziert, ehe sie im Jahre 2001 als Buch erschien. (Prakash,
Uday: Pili chatri vali larki. Dilli: Vani Prakashan, 2001. – Alle Zitate
beziehen sich auf diese Ausgabe und wurden von der Verfasserin dieses Beitrags
übersetzt.) Aufgrund des Umfangs von fast 160 Seiten (worin
allerdings viele Illustrationen des Autors enthalten sind) wird sie als
Lambi kahani (wörtlich: Langerzählung) klassifiziert, die Grenzen
zum Genre des Kurzromans sind dabei jedoch fließend.
Mittlerweile gibt es eine englische Übersetzung von Jason
Grunebaum unter dem Titel „The Girl with the Golden Parasol“, die sogar
mit dem renommierten PEN Translation Fund Grant des
Jahres 2005 ausgezeichnet wurde. (Vgl. Website des PEN American Centre
(ein Link zur entsprechenden Seite findet sich in der Bibliographie).
Weitere bibliographische Angaben zu diesem Buch waren mir leider nicht
zugänglich.) Eine deutsche Übersetzung gibt es bislang
nicht. Daher bietet es sich an, dieses Werk hier etwas näher vorzustellen.
Schauplatz der Langerzählung ist eine als „Cambridge of
India“ bezeichnete, jedoch fiktive Universität in Madhya Pradesh. Allerdings
wird der kundige indische Leser durchaus einige Ähnlichkeiten mit der
Jawaharlal Nehru University feststellen können. Die Handlung, die sich
etwa über einen guten Monat erstreckt, ist – wie sich aus einigen Zeitangaben
erschließen lässt – im September 2000 angesiedelt.
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Die Liebesgeschichte
Im zentralen Handlungsstrang geht es um die heftige Liebe
des 23jährigen Rahul, M.Sc.-Absolvent der organischen Chemie, zur Hindi-Studentin
Anjali, dem „Mädchen mit dem gelben Schirm“. Um der Angebeteten
nahe zu sein, wirft er – sehr zum Bedauern seiner Kommilitonen - bereits
nach wenigen Wochen sein Studium der Anthropologie hin und wechselt kurzerhand
ins Hindi-Department, das unter den Studenten einen überaus schlechten
Ruf genießt und überwiegend von Brahmanen beherrscht wird. Pikanterweise
ist Anjali die Tochter eines Ministers auf Bundesstaatenebene, eines Brahmanen
und Millionärs, der mit Hilfe lokaler Unterweltbosse an die politische
Macht gekommen ist. Ungeachtet Rahuls sozial und kastenmäßig niedrigerer
Herkunft (die jedoch nicht konkret bezeichnet wird) erwidert sie seine Gefühle,
und es kommt zu einer erotischen Liebesbeziehung. Der Ministerclan, empört
über den Angriff auf die Familienehre, trennt die beiden und bedroht
Rahul auf massive Weise. Doch am Ende gelingt den beiden Liebenden mit
Hilfe ihrer Kommilitonen die Flucht aus der Stadt in einem Zug. Haben wir
es hier mit einem Happyend ganz nach „Bollywood-Manier“ zu tun? Ich meine,
dies trifft eigentlich nur bei oberflächlicher Betrachtung zu.
Wie Uday Prakash in einem Interview betonte, sei die Beziehung
zwischen Rahul und Anjali nicht nur in ihrer persönlichen und erotischen
Dimension zu sehen, sondern vielmehr als eine Allegorie auf mehreren Ebenen,
insbesondere auf Kasten- und kultureller Ebene (vgl. PRAKASH 2004 : 219).
Sieht man den Schluss vor diesem Hintergrund, wird deutlich, dass es dem
Autor hier um das Brechen von Tabus und um den Widerstand der unteren Kasten
gegen die Herrschaft der oberen Kasten geht. Zu berücksichtigen ist
ferner, dass dieses letzte Kapitel, das die Flucht von Rahul und Anjali erzählt,
mit folgendem Satz beginnt: „Der jetzt noch übrig gebliebene Teil
dieser unvollendeten Geschichte kann irgendwie geschildert werden“ (Pili
153 ). (Zitate aus Pili chatri vali larki werden hier mit
(Pili) gekennzeichnet.) Irgendwie – also so oder auch anders. Uns
wird also nur eine mögliche Variante für das Ende angeboten, der
Leser kann sich durchaus seine eigene bilden. Ein weiteres Argument gegen
ein Happyend ist Rahuls Albtraum, dessen Funktion für die Geschichte
ich weiter unten erläutern werde.
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Die Universität
als Diorama
Die Liebesgeschichte wird nicht isoliert, sondern vor dem
Hintergrund der sich auf dem Campus abspielenden Ereignisse erzählt,
die nicht minder dramatisch sind. Viele der dortigen Studenten fühlen
sich schon seit einiger Zeit durch die regelmäßigen brutalen Überfälle
lokaler Banden auf die Wohnheime terrorisiert. Die Universitätsleitung,
die selbst Beziehungen zur Unterwelt in der Stadt unterhält, unternimmt
nichts dagegen. Als schließlich der aus Manipur stammende Sapam Tomba
bei einem neuerlichen Überfall nicht nur ausgeraubt, sondern brutal
misshandelt und gedemütigt wird und sich kurz darauf das Leben nimmt,
organisieren die geschockten Studenten eine effektive Gegenwehr. Beim nächsten
Angriff können sie gemeinsam die Täter überwältigen und
der Polizei übergeben. Doch der Sieg der Studenten ist nicht von langer
Dauer, denn die Rache folgt in Form von Hetzkampagnen bis hin zu Verhaftungen
und Misshandlungen durch die Polizei. Rahul kann zwar durch glückliche
Umstände der Polizeirazzia entgehen, verliert jedoch durch Rufmord
seinen dringend benötigten Job als Nachhilfelehrer. Außerdem ist
er fortan im Visier sowohl des Ministerclans als auch der Leitung des Hindi-Departments,
die ihn als Aufwiegler betrachtet und sich seiner zu entledigen versucht.
Auch diese Handlungsebene kann in einer über die Universität
hinausgehenden Dimension gesehen werden. Ein Indiz für eine solche
vom Autor intendierte Lesart ist folgende Textpassage: „Rahul schien es,
als seien die Universität und das hiesige Studentenwohnheim ein ‚Diorama’
der föderativen Struktur dieses Landes gewesen, die sich nun im Auseinanderbrechen
befände. Regionalismus, Kommunalismus und erbärmliche kleine Kräfte
waren nun plötzlich aus dem Untergrund emporgetaucht und damit beschäftigt,
alle noch bestehenden Hauptmetaphern dieses Landes sowie den Unionsmythos
zu zerstören“ (Pili 43).
In einem solchen Rahmen kann man auch weitere Zustände oder
Veränderungen an der Universität betrachten, so etwa, wenn
nun die bereits aus dem Kabelfernsehen bekannten Miss-Shows auf dem Campus
Einzug halten oder die bisherigen mobilen Verkäufer indischer Snacks
nun von Fast Food Ketten verdrängt werden, die Coca Cola, Pizza und
all die bekannten westlichen Produkte zu horrenden Preisen verkaufen, oder
wenn Internet-Cafés eröffnen, die einen leichteren Zugriff auf
unzensierte Informationen und deren Verbreitung ermöglichen. Zu den
Auswirkungen von Globalisierung und Liberalisierung gehören aber nicht
nur die Übernahme westlicher Kleidung und verschiedener Lebensstile,
sondern auch die feindseligen Reaktionen der lokalen Bevölkerung auf
Jeans tragende Studentinnen und deren zwanglosen Umgang mit ihren Kommilitonen
in der Öffentlichkeit. Ein Beispiel dafür ist eine Steinwurfattacke
auf einige Studentinnen, bei der die Betroffenen verletzt werden oder ihre
Brillen zu Bruch gehen.
Auch auf sprachlicher Ebene macht Uday Prakash den Einfluss
der Globalisierung deutlich. So bedienen sich die Studenten häufig
eines Hinglish, worunter man die willkürliche Kombination von Hindi
(bzw. Urdu) und Englisch in einem Satz versteht, z.B. „Reply zarur dena“ („Antworte
unbedingt“, Pili 137). Dieses sogenannte Code-switching ist besonders unter
jüngeren Leuten beliebt und wird durch viele indische Fernsehkanäle
rasch verbreitet. Die Einbeziehung von Hinglish zum Zwecke der Figuren-Charakteristik
ist natürlich auch in Werken einiger anderer Hindi-Autoren anzutreffen,
doch weitaus sparsamer. Dagegen finden sich in Uday Prakashs Langerzählung
auch ganze englische Sätze und Textpassagen, sogar ein englisches Gedicht
– allesamt in Devanagari-Schrift wiedergegeben, was teilweise Anlass zur
Kritik gab. Man mag darüber streiten, ob die englischen Passagen nicht
gleich in lateinischer Schrift hätten wiedergegeben werden können.
Doch meines Erachtens gelang es dem Autor sehr gut, ein unter indischen Studenten
verbreitetes Lebensgefühl authentisch wiederzugeben.
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Diskurse über Globalisierung,
Nationalismus und Regionalismus
Die beiden erwähnten, überwiegend chronologisch erzählten
Haupthandlungsstränge werden durch eine Vielzahl von Reflexionen und
Exkursen unterbrochen, von denen ich hier nur drei erwähnen möchte.
Einer der Exkurse beginnt mit Rahuls Überlegungen, mit seinem Studium
der anorganischen Chemie entweder nur als Chemiker in einer Brauerei oder
in einem multinationalen Lebensmittelkonzern unterzukommen oder als Dozent
an einem College. „Immer wenn er über seine Zukunft nachdenkt, taucht
vor ihm das Bild eines dicken [....] Mannes auf, der schmatzend wie ein
Schwein eine Pizza isst, geräuschvoll einen in Joghurt oder Essig eingelegten
Fisch kaut, dabei auch Alkohol trinkt und danach im Rausch [...] mit einem
bezahlten Teenager tanzt und schäkert“ (Pili 11). Alsbald wird daraus
eine allgemeingültigere Feststellung: „Eben dies ist jener Mensch –
unersättlich, dickbäuchig, amourös, schamlos, intrigant und
reich, dem zu dienen dieses System und diese Regierung errichtet worden
sind“ (ebd. 11).
Und im weiteren Exkurs erscheint dieser Mann als Prototyp
des alles konsumierenden und sich über alle in den letzten Jahrhunderten
geschaffenen Philosophien, Prinzipien und Normen hinwegsetzenden globalisierten
Machtmenschen. Diesem Prototyp, der nun den Namen Nikhlani trägt,
begegnen wir in einer fiktiven Szene auf Island wieder, wo er sich von nackten
Miss Worlds verwöhnen lässt und zugleich per Handy den Premierminister
Indiens zu weiteren Liberalisierungsmaßnahmen drängt: „I am
disappointed, Pandijji! Wieviel hatte ich in den Parteifond gepumpt! [...]
Ihr bewegt euch wie die Schildkröten. Wie wird sich da die Wirtschaft
verbessern? Bis jetzt wurden die Subventionen nicht eingestellt.“ (ebd. 13).
Dieser Nikhlani mit seinem Handy taucht später immer wieder als Symbol
für Globalisierung und Liberalisierung auf.
Ein weiterer Exkurs beschäftigt sich mit dem Indischen
Nationalismus, der sich – Rahul zufolge – nur gegen ein einziges Land richtet:
nämlich gegen Pakistan. Rahul setzt sich auch mit Meinungen auseinander,
die die Zerstörung der Babri-Moschee damit zu rechtfertigen suchen,
dass hier lediglich das getan wurde, was jedes Volk tue, nachdem es sich
aus der Unterdrückung befreit hat, nämlich die Monumente ihrer früheren
Kolonialherren und alten Regime zu beseitigen. In diesem Zusammenhang stellt
Rahul die Frage, warum dann die Babri-Moschee zerstört wurde, aber nicht
auch der von Lutyens erbaute Vizekönigspalast oder das India Gate? (vgl.
Pili 64). Und er polemisiert gegen einen Nationalismus, der auf dem Prinzip
des Hasses gegen Muslime und der Lobhudelei gegenüber den Engländern
beruhe, weshalb er „nur gegenüber Pakistan die Waffen erhebt und vor
den neokolonialen Mächten des Westens mit dem Schwanz wedelt“ (ebd.
65).
Aus dem überaus umfangreichen Exkurs sei hier zumindest Rahuls
Polemik gegen Bankimcandras Lied Bande mataram aus dem Bengali-Roman Anandmath
erwähnt, das während des Befreiungskampfes zu einer Nationalhymne
avancierte. Die Rührung, die Rahul verspürte, als er diese Hymne
anlässlich der Feierlichkeiten zum 50. Unabhängigkeitstag vernahm
– übrigens in einer Hindustani-Übersetzung und von einem muslimischen
Sänger interpretiert –, diese Rührung wich sehr bald einem Gefühl
der Beklommenheit, als er erfuhr, dass sie im Roman von militanten safrangekleideten
Sannyasis im Kampf gegen ihre muslimischen Herrscher gesungen wurde.
(Vgl. dazu auch HARDER 1996 : 67-70.) (An dieser Stelle sollte erwähnt
werden, dass zur Zeit in Indien heftige Debatten um diese Nationalhymne geführt
werden, da es insbesondere Teile der muslimischen Bevölkerung gibt
(Um die Entstehung des Liedes “Vande (Bande) Mataram” vor
einem Jahrhundert zu feiern, wurde ein landesweites Singen der Hymne in
allen Bildungseinrichtungen angeordnet. Muslimische Gelehrte und einige
Mitglieder des All-India Muslim Personal Law Board meinten, dieses Lied
sei „unislamisch“ und sollte nicht von Muslimen gesungen werden. (Siehe
Times of India, Pune, 8.9.2006, S. 1, 5, 9.), die diese strikt ablehnen.
Und sodann schlägt Rahul in seiner Argumentation einen Bogen zu den
Safrangekleideten auf der Babri-Moschee (vgl. ebd. 64-65).
Verwiesen werden soll an dieser Stelle noch auf einen Exkurs
über die Sezessionsbestrebungen der Völker im Nordosten, der
im Zusammenhang mit dem toten Kommilitonen Sapam Tomba und dessen kurz zuvor
in der Nähe Imphals von Polizisten erschossenem Bruder entfaltet wird.
Sapam hatte seinem Freund Rahul davon erzählt, wie Caitanya im 17.
Jahrhundert von Bengalen aus nach Manipur kam und die dortige Bevölkerung
durch seine Verse und religiösen Lieder zum Vishnuismus bekehrte (vgl.
ebd. 19). Doch nun erscheint dem trauernden Rahul eine Vision des Caintanya,
verstummt, mit zerschossener Stirn und einer zerborstenen Trommel unter einem
Nim-Baum sitzend, daneben die Leiche des toten Sapam. Und hinter dem Nim-Baum
erblickt Rahul Nathuram Godse (den Mörder Mahatma Gandhis)
(Nathuram Godse, ein Mitglied des hindu-nationalistischen RSS, ermordete
Gandhi durch Pistolenschüsse (vgl. VAN DER VEER 1994 : 96-97) ,
mit einer noch rauchenden Pistole in der Hand. Dieses Bild des gewaltsam
zum Verstummen gebrachten Caitanya wird im weiteren Verlauf der Erzählung
zu einem Symbol für die enttäuschten Erwartungen der zum Vishnuismus
bekehrten Völker des Nordostens, die sie in ihren damaligen Beitritt
zur Indischen Union gesetzt hatten, sowie für die gewaltsame Unterdrückung
ihrer heutigen Sezessionsbestrebungen durch die indischen Streitkräfte.
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Der Albtraum
Bedeutungstragend ist ebenfalls Rahuls Albtraum im Zug, der sich
– da er nicht eingeleitet wird – erst später als Traum herausstellt.
In einem Horrorszenarium treten hier noch einmal einige der bereits zuvor
eingeführten Figuren auf, um Anjali zu entführen und Rahul zu
töten. Dies sind allesamt Figuren, die Rahul Angst einflößen
und die gewissermaßen Verkörperungen bestimmter gesellschaftlicher
Übel darstellen, darunter auch Nikhlani mit seinem Handy. Auf dem Fußboden
des Waggons wird eine Art Opferfeuer nach vedischem Vorbild veranstaltet.
Doch den Flammen werden hier Bücher geopfert: darunter der Rigveda,
Das Kapital von Marx, Gandhis Reden, der buddhistische Kanon, die Bibel,
der Koran – somit das kulturelle Erbe der Menschheit. Währenddessen
sieht Rahul, wie sich ein dicker Mann erhebt: es ist Nikhlani, der wieder
einmal von seinem Handy aus den Premierminister anruft. Was daraufhin folgt,
soll hier wörtlich wiedergegeben werden:
„Dann schaltete er sein Handy aus, hob eine am Boden liegende große
Axt auf und ging ganz langsam auf Rahul zu! [...]
Vier Gangster hielten Rahul auf sein Bett Nummer 42 nieder
gepresst. Jener dicke Mann hob die Axt.
Es war Parashuram (Parashuram (Ram mit der Axt), eine Inkarnation
des Hindu-Gottes Vishnu), barbarisch und gewalttätig... seine
Axt war blutbeschmiert. Mit ihr hatte er seiner Mutter den Kopf vom Rumpf
getrennt. Aber sie hatte zehn Köpfe. Nein, es war Ravan“ (Pili 155).
Im Gesicht jenes dicken Mannes entdeckt Rahul noch charakteristische
Merkmale zweier weiterer Todfeinde, ehe die Axt auf ihn niedersaust ...
(vgl. ebd. 155).
Dass Rahul nicht stirbt, sondern aus einem Albtraum erwacht und Anjali
bei ihm ist, nimmt der Leser erleichtert auf, doch da die Langerzählung
damit endet, überschattet Rahuls Horrorvision das Happyend und bleibt
gewissermaßen als Warnung bestehen – als Warnung vor einem Verlust
der kulturellen und moralisch-ethischen Werte aus Jahrhunderten Menschheitsgeschichte.
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Zu einigen erzähltechnischen
Aspekten
Wie wir oben feststellen konnten, beleuchtet Prakash im „Mädchen
mit dem gelben Schirm“ eine Vielzahl brennender Probleme in der sich wandelnden
indischen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts wie Nationalismus
und Kommunalismus, Regionalismus und Sezessionsbestrebungen, Zementierung
der Kastenstruktur und Auswirkungen von Globalisierung und Liberalisierung,
die vornehmlich in Form von reflexiven Exkursen oder Diskussionen dargeboten
werden. Dabei bedient sich Prakash häufig postmoderner Gestaltungstechniken
wie Intertextualität und Intermedialität in verschiedenen Formen
wie Zitaten, Collagen und Montagen. Bereits der erste Satz der Langerzählung
verweist auf ein Plakat mit Madhuri Dixit und Salman Khan, zwei populären
Hindi-Filmschauspielern. Im gesamten Werk finden wir unzählige Anspielungen
auf literarische Texte (u.a. William Dalrymples The City of Djinns, Gabriel
García Márquez’ Liebe in den Zeiten der Cholera oder ein
Gedicht von Garcia Lorca), auf Lieder (z.B. von Brian O’Connor oder des
inzwischen verstorbenen pakistanischen Qawwali-Sängers Nusrat Fateh
Ali Khan, der auch in Indien überaus populär war) sowie auf Filme
(u.a. die Fernsehserie Ramayan oder den Horrorfilm Critters) und auf andere
außerliterarische Quellen. Typisch für den Stil von Prakash sind
außerdem ein spielerischer Umgang mit Zeitepochen sowie das Vermischen
oder Nebeneinandersetzen von Realistischem und Phantastischem oder Bizarrem
(z.B. die Metamorphose von Anjalis gelbem Schirm in einen Schmetterling)
sowie das häufige Einflechten von Träumen, Mythen und Märchen,
weshalb viele seiner Werke häufig mit dem Begriff „magischer Realismus“
versehen werden. Prakash selbst hat häufig den Einfluss von Autoren
wie Jorge Luis Borges oder Gabriel García Márquez auf sein
eigenes Schaffen betont.
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Zusammenfassung
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich Uday Prakash
– wie bereits in vielen seiner früheren Werke – nun auch im „Mädchen
mit dem gelben Schirm“ auf originelle und eindringliche Weise mit den aktuellen
Problemen der indischen Gesellschaft beschäftigt und diese aus zum
Teil ungewohnten Blickwinkeln darbietet. Dies wird – wie am Beispiel der
drei ausgewählten Diskurse verdeutlicht wurde – in besonderem Maße
dadurch erreicht, dass zahlreiche Bilder und Symbole in einen neuen, ungewohnten
Kontext gestellt und somit neu hinterfragt werden. Durch sein Anknüpfen
an die Traditionen des lateinamerikanischen „Magischen Realismus“ hat Uday
Prakash dazu beigetragen, in erzähltechnischer Hinsicht neue Perspektiven
für die Hindi-Literatur zu eröffnen.
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Literaturempfehlungen
Prakash, Uday: Der goldene Gürtel. Erzählungen. Aus dem
Hindi von Lothar Lutze. Heidelberg: Draupadi Verlag 2006.
Saraogi, Alka: Umweg nach Kalkutta. Roman. Aus dem Hindi übersetzt
von Margot Gatzlaff-Hälsig. Frankfurt am Main: Insel Verlag 2006.
Stark, Ulrike (Hg): Mauern und Fenster. Neue Erzählungen aus
Indien (Moderne indische Literatur Bd. 4), Heidelberg: Draupadi 2006.
Verma, Nirmal: Ausnahmezustand. Roman. Übersetzt aus dem Hindi
von Hannelore Bauhaus-Lötzke und Harald Fischer-Tiné. Heidelberg:
Draupadi 2006.
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Zitierte Literatur
FORNELL 2006 Fornell, Ines: Im Spannungsfeld zwischen Globalisierung
und
Nationalismus – einige vieldiskutierte Werke der neuesten Hindi-
Literatur, in: Acta Orientalia, Oslo (erscheint Ende 2006)
HARDER 1996 Harder, Hans: Bankimchandra Chatterjee: Unfreiwilliger
Begründer
kommunalistischer Ideologien? In: Christian Weiß
et al. (Hrsg.).
Religion, Macht, Gewalt. Religiöser ‚Fundamentalismus’ und
Hindu-
Moslem-Konflikte in Südasien. Frankfurt am Main, IKO, 57-70.
PEN AMERICAN CENTER
http://www.pen.org/page.php/prmID/833
PRAKASH 2000 Prakash, Uday: Udayprakash se Ajit Ray ki batcit.
In: Vartman
Sahitya. Gajiyabad, Jan.-Febr. 2000, 542-552.
PRAKASH 2001 Prakash, Uday: Pili chatri vali larki. Dilli, Vani
Prakashan.
PRAKASH 2004 Prakash, Uday. Dalit lekhakon ko puraskrt hone se
bacna cahie
‘Interview von Uma Shankar Caudhri’. In: Hams. Dilli, Aug. 2004,
217-219.
SENGUPTA 2006 “The sharp-eyed seer”, in: Tehelka.
STARK 2006 Stark, Ulrike (Hg): Mauern und Fenster. Neue Erzählungen
aus Indien
(Moderne indische Literatur Bd. 4), Heidelberg: Draupadi.
Times of India, Pune, 8.9.2006, S. 1, 5, 9. (
www.timesofindia.com
)
VAN DER VEER 1994 van der Veer, Peter: Religious Nationalism.
Hindus and Muslims
in India. Berkeley, University of California Press.
WAGNER 2001 WAGNER, Christian: Indien zwischen Tradition
und Globalisierung:
Tagungsbeitrag:
http://www.bpb.de/veranstaltungen/9C0CSR,0,0,Indien_zwischen_Tradition_und_Globalisierung.html
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Autorin: Ines Fornell, Göttingen
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